„Ich bin ich, und das ist gut so!“

(Bild: Wild Carrot (Daucus carota) in Sardinia, philipbird123, Fotolia)
Einfach mal sein, wonach Ihnen ist. Einfach sagen, was Sie wirklich denken. Einfach tun, was Sie wirklich, wirklich wollen. Ja, das geht tatsächlich, jedenfalls in meiner Geschichte über Jörg. Auch wenn das nicht allgemein üblich ist.

 

Weil die Erwartungen der Chefs, Ausbilder, Jobcenter-Berater, Nachbarn oder Postboten andere sind:

  • „Ansagen werden befolgt!“
  • „Wenn du so weitermachst, wird das nichts mit dem Abschlusszeugnis.“
  • „Wer die Auflagen nicht erfüllt, wird sanktioniert.“
  • „Dickes Auto, aber die Fenster nicht putzen.“
  • „Wer nicht sofort öffnet, muss eben laufen und sein Paket selbst holen.“

Mittelalterlich? Genau! Deshalb wird im Gegenzug ständig über

  • Demokratie,
  • flache Hierarchien,
  • das offene Gespräch,
  • individuelle Freiheiten und
  • die Dienstleistungsgesellschaft

meist bloß geredet. Das heißt nicht, dass Taten folgen müssen. Sie dürfen aber folgen.

Jörg hat einen Spleen?

„Karotten als Ziergartenpflanzen, haha! Das soll schön aussehen? Wer hat jemals was von Karottenblüten gehört? Na bitte, das ist Gemüse, wie jeder weiß!“ Die einhellige Meinung von Jörgs Frau Brigitte, den Nachbarn, seinen Freunden und Kollegen – und leider auch des Bankberaters, der von solch verrückter Geschäftsidee dringend abrät.

Was nun? Soll Jörg sein Leben als Buchhalter verbringen, wie seine Eltern wünschen? Oder setzt er auf Risiko?

Weder noch. Einerseits bleibt er stur und entscheidet, ein Karottenblütengeschäft zu eröffnen. Andererseits weiß er, dass er Unterstützer und ein Mindestmaß an Sicherheit braucht. Dafür macht er zuerst diesen Schritt-für-Schritt-Plan:

  1. Seiner Frau, dem Freund, den Nachbarn und Eltern Fotos von Karottenblüten zeigen, damit sie sehen, wie schön sie sind.
  2. Wissenslücken schließen: Seminar und Vorlesung über den Anbau von Wurzelgemüse und die Anlage von Blütengärten besuchen.
  3. Praktikum bei Demeter, biodynamische Saatgutzucht lernen, damit Jörg neue Farben und Blütenstände züchten kann.
  4. Rosa und cremefarbige Karottenblüten gibt es. Überlegen, welche anderen Wurzelgemüse weitere Farben liefern.
  5. Das Konzept erstellen: Gebäude mit drei ha Land. Anbau, auch zur Besichtigung. Lagerraum. Küche für die Bewirtung im Gartenlokal. Speisekarte erstellen (Brigitte?). Marketingplan (Marvig fragen). Kapitalbedarf?
  6. Zur Bank gehen, Kredit beraten.
  7. Anwesen suchen und kaufen. Anfangen!

Wie Jörg aus seinem Spleen ein Geschäft macht

Auf die Fotos mit den schönen Karottenblüten reagieren alle ohne Ausnahme positiv. Aus anfänglichem Staunen wird Neugier und schließlich ein gemeinsames Brainstorming, wie solche Karottenblütengärten zu gestalten sind. Welche Pflanzen passen dazu? Welche Sorten garantieren dauerhafte Blütenpracht? Auch erste Namen für das Geschäft findet die Gruppe: Wurzelblüte und Wurzelcafé.

Jetzt wollen sie sich beteiligen. Jörg ist sehr froh, Punkt eins ist nicht nur geschafft, er hat sogar Unterstützer gewonnen. Doch das ist nicht alles. Erste Bedenken tauchen auf. „Wie willst du denn mit ausschließlich Karottenblüten und dem Café Gewinn machen?“ „Wie viele Pflanzen musst du ziehen, für wie viele Kunden?“ „Ich glaube, du musst noch weitere Geschäftsbereiche entwickeln, Karotten für die Küche …“.

So hatte Jörg sich das nicht vorgestellt.

So ernsthaft rechnerisch. Doch er lässt sich überzeugen. „In Ordnung, muss wohl sein. Aber ich tauge für solche Konzepteknobelei nicht.“ Nach drei Abenden Palaver stand fest: Brigitte macht das Café, Ausstattung, Speisen und Getränke, Personal und Preise. Marvig erklärt sich bereit, das Marketing auszuarbeiten. Frau Stälzbert wird Nachbarin Meiserling für die Kalkulation anfragen. Jörgs Eltern sind nicht überzeugt, „Buchhalter ist reeller!“

Zuerst muss Jörg dazulernen!

Wer ein Geschäft eröffnen will, muss über aktuelle Entwicklungen in der Sache und im Marktsegment sachkundig sein. Jeder Neubeginn heißt Recherche und Dazulernen. Jörg interessiert alles, was Anbau und Zucht der Karotte angeht. Für Fragen nach dem Markt dagegen, wie er an Kunden kommt, für Marketing hat er nichts übrig. „Das ergibt sich“, meint er leichtfertig.

Ein Seminar über den Anbau von Wurzelgemüse gibt es im Fachbereich Gartenbau an der Universität. Jörg kann daran teilnehmen und ist begeistert über den Versuchsgarten, in dem er und die Studenten alle Theorie praktisch umsetzen. Sämtliche Karottensorten lernt er kennen und staunt, wie praktisch sie in sein Vorhaben passen: „Klasse! Frühkarotten, Sommerkarotten, Spätkarotten – damit blüht es in der ganzen Wachstumsperiode. Am schönsten ist die wilde Karotte aus Sardinien, die will ich unbedingt in meine Zucht bringen.“

Das Praktikum bei Demeter klappt nicht gleich.

„Mach nichts; das Saatgut für die ersten Blüten kaufe ich einfach. Gut Ding will Weile haben.“ Je realistischer Jörgs Schritt-für-Schritt-Plan erscheint, umso gelassener wird er. Punkt 3 (Praktikum) und 4 (eigene Zucht) stellt er vorerst zurück.

Wer arbeitet das Konzept aus?

Ideen zu kreieren fällt Jörg leicht. Wenn Probleme zu lösen sind, hilft ihm seine Kreativität und seine unorthodoxe Denkweise. Und für konkret machbare Pläne hat er die Gruppe, die ihm hilft. Brigitte, sein Freund Marvig und die Nachbarn Regine Meiserling sowie Ehepaar Stälzbert sind beeindruckt, wie Jörg dranbleibt, welche Mühe zu lernen er auf sich nimmt.

„Hätte ich nicht gedacht, dass der Jörg so energisch sein kann“, O-Ton von Frau Stälzbert. Sie glauben jetzt wirklich an ihn und seine Idee und wollen unbedingt dabei sein, wenn sie Wirklichkeit wird. Doch ist es bis dahin noch ein weiter Weg:

  • Regine Meiserling, tätig im Finanzwesen, errechnet den Kapitalbedarf. „Ganz schön hoch.“ Daher rät sie Jörg, Zuschüsse zu beantragen. Dafür sollte er ein Anwesen finden, das unter Denkmalschutz steht. Das lässt sich meist kostengünstig erwerben, und die Instandsetzung kann bezuschusst werden.
  • Marvig arbeitet auf Basis der bisher beschlossenen Geschäftsidee (Vertrieb blühender Karotten für den Blütengarten, Wurzelcafé und Führungen im Zuchtbetrieb) das Marketingkonzept aus. Als Anhänger von Webshops sucht er Jörg zu überreden, den Vertrieb über eine Verkaufsseite im Internet einzurichten. Doch Jörg bleibt stur. Die Kunden sollen zu ihm kommen; er will den direkten Kontakt: „Auf die Weise können sie mir gleich sagen, was sie gut finden und was nicht.“
  • Ehepaar Stälzbert plant Ausflüge, um geeignete denkmalgeschützte Anwesen zu besichtigen. Doch bevor sie losfahren mischt sich Helena, neu dabei, Nachbarin und Innenarchitektin für Geschäftsräume, ein: „Zuerst musst du wissen, wer deine Kunden sind.“ Also Brainstorming, Ergebnis: Die Kunden lieben das Besondere, Ausgefallene; sie sind gut situiert mit Touch ins Ökologische und lieben die Natur und das Natürliche. Infrage kommen also Gutshöfe, die ein gehobenes Ambiente für Café und Verkaufsräume ermöglichen. Gleich drei geeignete finden die Stälzberts in akzeptabler Entfernung zur Stadt.
  • Besichtigung. Alle fahren mit und beraten am Abend, welches Anwesen am besten geeignet wäre. Schließlich ist Jörg überzeugt, dass es der Jöthehof werden soll: nah an der Stadt, ziemlich preiswert, 4 ha Land, Einigermaßen erhaltenes Hauptgebäude mit ehemaligem Empfangssaal (wird Café) und angrenzenden Wirtschaftsräumen für die Küche. In der Scheune soll ein ansprechender Verkaufsraum gestaltet werden. Ein Gewächshaus ist schon vorhanden.

Jörgs Hausbank gesellt sich zum Unterstützerkreis

Bewaffnet mit dem Geschäftskonzept und Fotos von Karottenblüten geht Jörg, begleitet von Regine Meiserling, zur Bank. Mit ihrer Hilfe überzeugt er seinen Bankberater, ihm den Kredit zu annehmbaren Konditionen zu gewähren.

Ein Jahr später

Am 29. Juni eröffnet die Wurzelblüte im Jöthehof mit einer Einladung ins Wurzelcafé. Die Sonne beteiligt sich, sodass die Gäste auf der Terrasse den Karottenkuchen mit Karottenblütensahne genießen können. Vor dem Café hat Jörg einen farbenprächtigen Blütengarten angelegt, in dem die Bienen summen. Zartrosa schimmernde Blüten der wilden Karotte aus Sardinien, gelbe Pastinakenblüten und reinweiße Sellerieblüten wechseln sich mit den gelben, an Margeriten erinnernde Blüten der Schwarzwurzel, den rosa-pink-farbigen Blüten der roten Schwarzwurzel und den rosa Blüten mit gelben Staubblättern der Haferwurzel. Dazwischen blühen die blaue Wegwarte, rosa Oregano, für den Duft niedrige Wildrosen und am Rand Stockrosen in allen Farben.

Was denken Sie über Ihre eigenen Ideen? Spleenig? Nein, bestimmt nicht! Was Sie wirklich, wirklich wollen, kann Wirklichkeit werden. Entwickeln Sie Ihre Idee und holen Sie sich sachkundige Unterstützer und Rückenstärker.

„Ich bin ich, und das ist gut so“, sind Jörg und seine Freunde jetzt überzeugt.

Die Eröffnung war ein voller Erfolg. Dank des konsequenten Marketingkonzepts von Marvig kommen seither mehr und mehr Kunden. Das Praktikum bei Demeter führte zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit dem Verband. Jörg züchtet nun neue Karottenblüten, darunter sogar eine blaue.

Im zweiten Jahr will er ein Feld mit Karottensorten in allen Farben und Formen, von süß bis herb anlegen, dazu ein Gewächshaus mit Karottenblüten. Beides für die gehobene Gastronomie. Trotz der vielen Arbeit fühlt er sich sauwohl. Wenn sich alles so gut weiterentwickelt, sind die Kreditraten kein Problem. Brigitte erwirtschaftet mit dem Café schon im ersten Jahr einen kleinen Überschuss und macht aus den Führungen, auf denen Jörgs Erläuterungen etwas trocken daherkommen, echte Events. Am Schluss bekommen die Teilnehmer eine Miniaturkarotte, die garantiert im Jahr darauf blüht und auf jeder Fensterbank Platz findet – Jörgs neueste Züchtung in Pink.

Unendlich dankbar sind er und Brigitte den Freunden und ehemaligen Nachbarn, mit deren engagierter Hilfe die Wurzelblüte Wirklichkeit wurde. Sie schenkten ihnen ein Zertifikat, das ihnen lebenslange Wurzelblütenlieferung garantiert. Und natürlich Kaffee und Kuchen gratis im Wurzelcafé.

"Ich bin ich, und das ist gut so!"

Zusammenfassung

„Jörg hat einen Spleen“, finden seine Frau Brigitte, sein Freund und die Nachbarn. Er will partout ein Geschäft für die Zucht und den Verkauf von Karottenblüten gründen. Zunächst glaubt niemand daran. Doch Jörg versteht es, sie ins Boot zu holen. Mit Hilfe der Freundesgruppe gelingt ihm sein ungewöhnliches Projekt.


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